«Studierende und Lernende können hier voneinander lernen»

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ETH-Studierende und Industriefirmen sollen künftig in Zug vonund miteinander lernen. Stadt und Kanton Zug haben heute über Im Interview spricht Rektor Günther Dissertori über Ziele und Vision. 

Die ETH plant in Zug eine Learning Factory. Was müssen wir uns darunter vorstellen?
Günther Dissertori: Die Learning Factory ist ein Ort, an dem Studierende zusammen mit Vertreter:innen aus der Industrie an echten Problemen aus der Praxis lernen. Unternehmen bringen konkrete Fragestellungen, die Studierenden analysieren diese, entwickeln Lösungsideen und setzen diese möglichst auch praktisch um. Sie arbeiten dort sowohl mit erfahrenen Berufsleuten wie mit Lernenden zusammen, alle sollen voneinander und miteinander lernen.

Weshalb ist das wichtig?
Die ETH vermittelt ihren Studierenden ein sehr solides Fachwissen. Gleichzeitig ist es sehr wichtig, dass sie lernen, dieses Wissen anzuwenden. Dazu gehört, die Probleme in ihrer ganzen Komplexität zu verstehen, und in Teams an Lösungen zu arbeiten. Zudem müssen sie lernen, Entscheidungen auch unter Unsicherheit und mit unvollständiger Information zu treffen. Solche Kompetenzen lassen sich in dieser Konstellation gut trainieren.

Sie betonen, dass in der Learning Factory auch Lernende eine wichtige Rolle spielen - welche?
Studierende und Lernende bringen unterschiedliche Fähigkeiten mit. Studierende haben oft mehr theoretisches Wissen, während Lernende sehr nah an der praktischen Umsetzung sind. Wenn beide zusammenarbeiten, entsteht ein Team mit verschiedenen Stärken. Die Beteiligten lernen, ihre Fähigkeiten einzubringen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Das entspricht auch der Realität in vielen Unternehmen.

Bereits heute arbeiten viele Studierende an der ETH an Projekten und Prototypen. Weshalb braucht es dafür einen speziellen Ort?
Weil wir wollen, dass Studierenden und die Firmen noch unkomplizierter zusammenarbeiten können, damit sich diese Lehrform noch stärker etablieren kann. Das erfordert Räume für Ideenfindung, Diskussion, Bau von Prototypen und Präsentationen - idealerweise alles an einem Ort. Speziell an dem Konzept ist auch, dass wir mit den Firmen langfristige Partnerschaften eingehen - sie sind also fest in diese Art von Bildung eingebunden, nehmen mit ihren Mitarbeitenden daran teil und können ihre Fragestellung mit wenig Aufwand an die Studierenden herantragen. Spannend ist das übrigens auch für die Dozierenden - sie erhalten dadurch einen noch direkteren Zugang zu den Fragen und Problemstellungen aus der Industrie.

Wo steht das Projekt, wie weit sind wir von der Umsetzung entfernt?
Wir haben in den letzten Jahren in Zug mit Partnern aus Wirtschaft und Politik das Konzept entwickelt und geprüft, ob es sich umsetzen lässt. Einige Pilotprojekte laufen bereits - aktuell noch mit improvisierter Infrastruktur. Nun wollen wir die Räume, Infrastruktur und Flächen in einem bestehenden Gebäude des Tech Cluster Zug aufbauen. Die Regierungen von Kanton und Stadt Zug haben dem Projekt zugestimmt. Nun entscheiden die Parlamente über die Finanzierung und damit über die Umsetzung. Das geschieht voraussichtlich bis im Herbst.

Das Projekt hat eine beträchtliche Grössenordnung. Wie wird es finanziert?
Die erste Ausbaustufe der ETH Learning Factory Zug umfasst Aufbau und Betrieb über zehn Jahre und beläuft sich auf rund 110 Millionen Franken. Finanziert werden soll sie mehrheitlich durch den Kanton und die Stadt Zug sowie durch Beiträge der beteiligten Unternehmen. Die ETH Zürich bringt ihrerseits Lehrleistungen und Know-how ein.

Wann könnten Studierende und Dozierende die Learning Factory tatsächlich nutzen?
Pilotprojekte laufen schon jetzt. Wenn die politischen Entscheide positiv ausfallen, können wir in den kommenden Jahren rund 5’000 Quadratmeter in bestehenden Gebäuden im Tech Cluster Zug ausbauen und nutzen. Der reguläre Betrieb ist ab 2029 vorgesehen. Dann könnten täglich rund 150 Personen - Studierende, Lernende und Fachleute aus Unternehmen - dort gemeinsam arbeiten. Bis dahin führen wir weiterhin Pilotprojekte durch, sammeln Erfahrungen und entwickeln die Formate weiter.

Wie ist die Idee entstanden?
Die Idee entstand 2023 in Gesprächen zwischen Stadt und Kanton Zug, mehreren Unternehmen und der ETH, dabei zeigten sich gemeinsame Interessen: Unternehmen suchen Fachkräfte, die nicht nur Fachwissen mitbringen, sondern auch komplexe Probleme lösen können und im Team arbeiten. Wir suchen die Fragestellungen aus Wirtschaft und Industrie, an denen unsere Studierenden lernen können, und Räume und Infrastruktur. Dass sich die Unternehmen so stark für dieses Projekt engagierten und die Entwicklung auch finanziell unterstützen, freut uns sehr!

Das Projekt wurde gemeinsam mit zahlreichen Unternehmen entwickelt. Sind auch KMU willkommen?
Ja. Unternehmen sind ein wichtiger Teil des Konzepts, weil sie die Praxisfragen einbringen. Gerade kleinere und mittlere Unternehmen haben oft sehr konkrete Fragestellungen und sind sehr nah an der praktischen Anwendung, haben aber selbst keinen Zugang zu Infrastruktur und Netzwerken wie sie die Learning Factory zur Verfügung stellen kann

Wie profitieren die Firmen von der Zusammenarbeit?
Unternehmen erhalten neue Perspektiven auf ihre Fragestellungen. Studierende gehen Probleme oft anders an und entwickeln neue Lösungswege. Für viele Firmen ist auch der Prozess interessant: zu sehen, wie junge Menschen an ein Problem herangehen und welche Ansätze entstehen.