
Das Spin-off Resilientsy unterstützt Gemeinden und Kantone dabei, ihre räumliche Entwicklung strategisch zu steuern und nachhaltig umzusetzen. Und es zeigt Politikern und Grundstückeigentümerinnen, wie sie die richtigen Fragen stellen können.
Flawil, eine St. Galler Gemeinde mit rund 10’000 Einwohnerinnen und Einwohnern, geht einen ungewöhnlichen Weg: Die Bevölkerung wird aktiv in die strategische Planung der Ortsentwicklung eingebunden. In zwei Mitwirkungsveranstaltungen im vergangenen Herbst diskutierten die Flawiler:innen, wie sich ihr Wohnund Arbeitsort künftig entwickeln könnte. Dies anhand von drei animierten Szenarien.
Diese Visualisierungen stammen vom ETH-Spin-off Resilientsy, das 2023 von der Raumentwicklungsexpertin und ETH-Dozentin Sibylle Wälty gegründet wurde. Ziel des Spin-offs: Siedlungsentwicklung nach innen, also verdichtetes Bauen, voranzutreiben - pragmatisch und zielführend.
Die Visualisierungen zeigen auf, wie durch sogenannte Zehn-Minuten-Nachbarschaften (siehe Box) Läden von Kundschaften in Gehdistanz profitieren, wie kürzere Alltagswege den Verkehr verringern und wie Wohnraum für kommende Generationen entsteht. Obwohl viele anfangs skeptisch waren: Am Ende entschied sich eine Mehrheit der Flawiler:innen für eine Entwicklung nach innen im Ortszentrum - und gegen eine weitere Zersiedelung der Gemeinde.
Zehn-Minuten-Nachbarschaften
Das Konzept der Zehn-Minuten-Nachbarschaften beschreibt ein Wohnund Arbeitsumfeld mit einem Radius von 500 Metern. Innerhalb dieses Radius ist vieles erreichbar, was es im Alltag braucht: Jobs, Wohnraum, Detailhandel, Restaurants, Dienstleistungen, Freizeitangebote und gute ÖV-Verbindungen.
Voraussetzung dafür ist, dass innerhalb dieses Radius mindestens 15’000 Personen wohnen und arbeiten. Zudem sollte auf zwei Einwohnende ein Arbeitsplatz kommen. Das Resultat ist eine gesunde soziale Durchmischung, belebte öffentliche Räume und ausreichend Wohnraum.
«Wir hören oft, dass die Bevölkerung keine Siedlungsentwicklung nach innen wolle», sagt Wälty. «In Flawil zeigte sich das Gegenteil: Menschen sind bereit, Veränderungen mitzutragen, wenn sie beteiligt werden und der Wandel nachvollziehbar wird.»
Die Schweiz wächst, aber die Planung hinkt hinterher
Dass sich bei der Raumund Siedlungsplanung in der Schweiz etwas ändern muss, ist im Gesetz verankert: Im Jahr 2013 sagte das Stimmvolk Ja zur Revision des Raumplanungsgesetzes - und damit zu einer Verdichtung nach innen.
Seit der Abstimmung ist die Bevölkerung um über eine Million Menschen gewachsen. Trotzdem wurde zu wenig Wohnraum im Bestand geschaffen. «Statt die Zukunft zu gestalten, werden bestehende Strukturen verwaltet», sagt Wälty. Die Folgen: steigende Mieten, längere Wege, Siedlungsgebiete, die in die Breite wachsen, und Ortskerne, die an Attraktivität verlieren.
Genau hier setzt Resilientsy an: Das Spin-off liefert fundierte Entscheidungsgrundlagen für Gemeinden, Kantone, Eigentümerschaften und die Bevölkerung, um die Siedlungsentwicklung nach innen voranzutreiben. Es erarbeitet Szenarien, wie ein Gebiet aussehen könnte, wenn mehr Leute auf derselben Fläche leben und dafür weniger neue Gebiete am Ortsrand erschlossen werden.
Die Visualisierungen zeigen auch, was passiert, wenn sich am Bestehenden nichts ändert. «Wenn ich nicht in Zentrumslage baue, hat das Folgen für die dortigen Läden und für die Menschen, die dann weiter pendeln müssen und im Stau stehen», sagt Wälty. Resilientsy bietet auch Datenund Rechtsanalysen, Beratung - zum Beispiel bei Zielkonflikten mit dem Denkmalschutz - und Schulungen zum Thema Innenentwicklung und Zehn-Minuten-Nachbarschaften.
Büround Wohnraum gleichzeitig planen
Neben Projekten in einzelnen Gemeinden arbeitet Resilientsy auch auf kantonaler Ebene. Für den Kanton Luzern erarbeitete das Spin-off eine Wohnstrategie für den kantonalen Richtplan. Um die Politiker:innen und die Bevölkerung direkt zu informieren, präsentierte der Kanton die Ergebnisse an öffentlichen Anlässen - mithilfe von anschaulichen Postern.
Resilientsy begleitet auch Grundeigentümer:innen, um mehr Flexibilität und Sicherheit für zukünftige Entwicklungen zu schaffen und sensibilisiert sie für wichtige Fragen. So konnte auf einem Grundstück durch Anpassungen der Nutzungsplanung erreicht werden, dass mehr Nutzungsarten zulässig sind als zuvor. Das verschafft der Eigentümerschaft Rechtssicherheit und Planbarkeit für eine nachhaltige, vielfältige Entwicklung des Areals.
«Die Schweiz braucht Wohnraum dort, wo Menschen leben wollen und wo Infrastruktur bereits vorhanden ist», erklärt Wälty. Wer Büros oder Zentrumsnutzungen zulässt, müsse gleichzeitig Wohnraum mitplanen. Andernfalls entstehen Pendlerströme, unnötige Kosten und unattraktive Ortskerne. Siedlungsentwicklung nach innen sei daher keine rein technische Aufgabe, sondern gesellschaftliche Verantwortung. Gemeinden, Kantone, Eigentümerschaften und die Bevölkerung müssten heute die Rahmenbedingungen schaffen, damit die gebaute Umwelt langfristig funktioniert.
Sibylle Wälty war von 2016 bis Mitte 2025 Forschungsleiterin am ETH Wohnforum und lehrt heute als Dozentin an der ETH Zürich. Mit ihrem Wissenschaftskommunikationsprojekt Zehn-Minuten-Nachbarschaften tourt sie durch die Schweiz, um mit Menschen vor Ort über mögliche Zukunftsszenarien ihrer Gemeinde zu diskutieren. Um ihre Forschung praktisch umzusetzen, gründete sie 2023 zusammen mit Miriam Lüdi das Spin-off ETH Zürich Resilientsy.
Von der Forschung in die Praxis
Als langjährige Forschungsleiterin am ETH Wohnforum erkannte Wälty, dass es nicht am Wissen, sondern an Instrumenten für die Umsetzung fehlt. Resilientsy schliesst diese Lücke. «Wir bringen eine konstruktive Veränderung in jahrzehntealte Praxis.»
Die Spin-off-Gründerin ist landesweit präsent, wenn es um die Themen Verdichtung und Zehn-Minuten-Nachbarschaften geht. Sie diskutiert im Schweizer Fernsehen, schreibt Meinungsbeiträge für Zeitungen und Blogs, organisiert Ausstellungen im Gartencenter oder im Gemeindehaus, leitet Podien, hält Referate am Fachkongress für die Shopping-Center-Industrie und geht mit der Bevölkerung spazieren. «Wenn man will, dass wissenschaftliche Erkenntnisse den Sprung in die Praxis schaffen, kommt man nicht darum herum, brauchbare praxisrelevante Lösungen zu finden und Menschen für ein Thema zu sensibilisieren.»
Konkretere Fragen aus Planungskommissionen
Raumplanung ist ein komplexes Thema. Das stellt Wälty beim Austausch mit der öffentlichkeit immer wieder fest. Verwaltung und Politik müssen nun Verantwortung übernehmen., sagt Wälty. «Mit besseren ÖV-Verbindungen kann man einfacher punkten als mit Eingriffen in die bestehende Siedlungsstruktur» betont sie.
Wälty sieht aber auch, dass die vielen Auftritte, LinkedIn-Posts und Medienberichte zunehmend Wirkung zeigen. Von der Legislative und weiteren Entscheidungsträger:innen kämen heute andere, viel konkretere Fragen als noch vor ein paar Jahren.
Das Mandat von Resilientsy in der Gemeinde Flawil lief Ende 2025 aus. Für die Gemeinde und die Bevölkerung geht die Planung, wie im Dorf in Zukunft gelebt und gearbeitet wird, jetzt aber erst richtig los. Läuft alles wie geplant, soll die neue Ortsplanung bis 2029 rechtskräftig sein. Bis dahin wird Sibylle Wälty weitere Kantone, Gemeinden und deren Bevölkerung dazu bewegt haben, die räumliche Entwicklung künftig nachhaltiger umzusetzen.


