Islam-Konflikte machen gesellschaftliche Verwerfungen sichtbar

In der Schweiz bieten Debatten über den Bau von Moscheen, das Tragen von Kopftüchern und die Rolle der Imame eine Plattform, um grundlegende gesellschaftliche Fragen zu diskutieren, die zu starken Meinungsverschiedenheiten führen. Zu diesen Fragen gehören die Zugehörigkeit, Geschlechterfragen und die Platzierung der Religion im öffentlichen Raum. Eine interdisziplinäre Studie des Schweizerischen Zentrums für Islam und Gesellschaft (SZIG) an der Universität Freiburg kommt zum Schluss, dass diese Konflikte nicht nur die Möglichkeit bieten, neue Akteur_innen sichtbar zu machen, sondern auch die Gesellschaft weiterzuentwickeln.

Ein anschauliches Beispiel ist die Moschee in Wil (SG), deren Verantwortliche Ängste bezüglich des Baus eines neuen Gebäudes durch proaktive Kommunikation erfolgreich entschärft haben, indem sie darauf hinwiesen, dass es sich um ein Begegnungszentrum handelt. In Bezug auf die Kopftuchdebatten in den Medien, die in der Regel die Hauptbetroffenen ausschliessen, so ist dies das Ergebnis einer Strategie von jungen Musliminnen, die ihre Individualität durch ihre Kleidung ausdrücken möchten. Imame wiederum, die aus einer Sicherheitsperspektive gerne als Präventionsagenten betrachtet werden, betonen ihre beruflichen Kompetenzen in verschiedenen Bereichen wie der Sozialarbeit und Professionalisierungsprozessen. Diese drei Beispiele verdeutlichen den starken Druck, dem Muslim_innen ausgesetzt sind, sich rechtfertigen zu müssen. Zudem neigen Konflikte im Zusammenhang mit dem Islam dazu, sich auszuweiten und zu verallgemeinern. Jedoch können diese konstruktiv gelöst werden, wenn die Betroffenen selbst zu Wort kommen und einseitige Identitätszuweisungen Überwinden.

Konflikte als Kennzeichen von Demokratien

Die Autor_innen der Studie ordnen Konflikte im Zusammenhang mit dem Islam in den grösseren Rahmen sozialer Konflikte ein. Konflikte werden oft als Bedrohung oder Fehlfunktion wahrgenommen, sind jedoch in Wirklichkeit ein normaler Bestandteil gesellschaftlicher Dynamik. Sie bringen wichtige und brisante Themen auf die Tagesordnung und schaffen so Verbindungen zwischen verfeindeten Parteien. Die daraus resultierenden Debatten in einem demokratischen Rahmen fördern die Lösung von Problemen. Der Aufstieg populistischer Strömungen, die insbesondere bei Themen wie Islam und Einwanderung polarisieren, gefährdet diesen Prozess. Daher ist es wichtig, Probleme nicht zu ignorieren, sondern sie frei zu diskutieren und dabei die Institutionen der Demokratie zu nutzen.

Wege zur Konfliktbearbeitung

Die Studie zeigt, dass sowohl Akteur_innen als auch religiöse Organisationen eine wichtige Rolle bei der Bewältigung von Konflikten spielen können. Die islamischen und christlichen Konzepte von Befreiung und Versöhnung bieten Ressourcen für die Konfliktlösung. Sie verdeutlichen, dass strukturelle Ungleichheiten Überwunden und die Beziehungen zwischen den Konfliktparteien gestärkt werden müssen. Die Autor_innen der Studie entwickeln am Ende ein Modell für den Umgang mit gesellschaftlichen Konflikten, um diese besser zu bewältigen, anstatt sie zu vermeiden: ’Indem Divergenzen und Gegenstimmen Raum gegeben wird, Asymmetrien berücksichtigt werden und die Stimme von Minderheiten gehört wird, kann sich die Gesellschaft als besser in der Lage erweisen, Konflikte zu bewältigen.’

Vier Jahre Forschung

Das im TVZ Verlag veröffentlichte Buch enthält neben empirischen Fallstudien zu den Konflikten um Moscheebau, Kopftuch und Imame im Schweizer Kontext auch soziologische und theologische Überlegungen zu sozialen Konflikten. Die Publikation ist das Ergebnis eines vierjährigen Forschungsprojekts, das vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (SNF) mit über 800.000 Franken unterstützt wurde. Zehn Forschende aus den Bereichen Sozialethik, islamische Theologie, Soziologie und Kommunikationswissenschaften haben unter der Leitung des SZIG-Direktors Hansjörg Schmid an dem Projekt mitgearbeitet.
Das Schweizerische Zentrum für Islam und Gesellschaft (SZIG) der Universität Freiburg beschäftigt sich im Rahmen von Forschung, Lehre und wissenschaftlichen Vermittlungsprojekten mit Fragen zum Islam in der Schweiz. Dabei legt es den Schwerpunkt auf eine islamisch-theologische Selbstreflexion und bietet Weiterbildungen für Imame und muslimische Seelsorger_innen an.