Isabel Günther, Professorin für Entwicklungsökonomie der ETH Zürich, erzählt im Interview, weshalb die tertiäre Ausbildung in Afrika ein Entwicklungsmotor ist und was die soziale Wirkung von Forschung erhöht.
In den UNO-Entwicklungszielen sind wissenschaftliche Kooperationen als Teil globaler Partnerschaften vorgesehen. Wie können solche Kooperationen zur Entwicklung in Ländern mit niedrigen Einkommen beitragen?
Isabel Günther: Wir unterstützen bei ETH for Development (ETH4D) zwei Formen von Partnerschaften, die beide sehr wichtig sind. Erstens: Partnerschaften zwischen Akteurinnen aus Wissenschaft, Politik, Industrie und Zivilgesellschaft können Innovationen schaffen, um Entwicklungsziele zu erreichen. Je kleiner die Budgets zur Erreichung der UNO-Entwicklungsziele werden, desto wichtiger werden solche Innovationen, um mit den gleichen Ressourcen mehr Wirkung zu erzielen. Das heisst in unserem Fall, die Lebensbedingungen von Menschen positiv zu beeinflussen. Zweitens: Partnerschaften zwischen Universitäten, um zur Hochschulbildung im Partnerland beizutragen und gemeinsam die nächste Generation von Führungskräften und Forschenden auszubilden. Technologischer Fortschritt und Innovationen, die an Hochschulen entstehen, sind oft die Grundlage für wachsenden Wohlstand. Gleichzeitig stärken wissenschaftliche und grenzüberschreitende Kooperationen die globalen Beziehungen der ETH Zürich und der Schweiz.
Wie steht es heute um die tertiäre Bildung in Ländern des Globalen Südens?
Fast jedes Kind hat mittlerweile Zugang zu Primarschulbildung, sehr viele auch zu Sekundarschulbildung. Ganz anders sieht es bei der tertiären Ausbildung, also bei den Hochschulen, aus. In vielen Ländern mit niedrigen Einkommen liegt der Anteil bei lediglich zehn Prozent. Noch ausgeprägter ist dies bei den Masterabschlüssen: In der Schweiz haben rund zwanzig Prozent der Bevölkerung einen solchen Abschluss; in den meisten afrikanischen Ländern sind es weniger als ein Prozent. Das ist nicht nur für die Wirtschaft ein Problem, sondern auch für die Universitäten, denn diese brauchen Nachwuchs mit einem Masterabschluss oder Doktortitel, der wiederum Studierende an der Universität unterrichten kann.
Dieser Text ist in der Ausgabe 26/01 des ETH-Magazins Globe erschienen.
Was sind die Gründe dafür, dass die Quote für tertiäre Bildung so tief liegt?
Für viele Regierungen hatte dies lange Zeit keine Priorität. Das war in der Schweiz ursprünglich nicht anders: Staaten beginnen mit dem Aufbau der Primärbildung, dann kommt die Sekundärbildung und zuletzt die Tertiärbildung. Durch Partnerschaften in Forschung und Lehre können wir diesen Prozess aber deutlich beschleunigen.Solche Forschungskooperationen sind historisch belastet und bis heute oft asymmetrisch.
Wie gelingen Partnerschaften auf Augenhöhe, von denen beide Seiten profitieren?
Das ist tatsächlich eine Herausforderung, schon allein wegen der Unterschiede bei den verfügbaren finanziellen Ressourcen. Hinzu kommt, dass Kolleginnen und Kollegen an afrikanischen Universitäten oft ein sehr viel höheres Lehrpensum als wir haben. Zentral für eine symmetrische Forschungspartnerschaft ist, dass die Forschungsfrage von Anfang an gemeinsam definiert, das Budget transparent aufgeteilt und frühzeitig entschieden wird, wer alles auf den wissenschaftlichen Publikationen erscheint. Noch wichtiger ist allerdings, dass die Anzahl der Forschungspartnerschaften zwischen Forschenden in der Schweiz und dem Globalen Süden weiter zunimmt.
Inwiefern profitiert auch die Forschung selbst von solchen Kooperationen?
Früher hatte man oft das Gefühl, man könne hier in der Schweiz eine Technologie entwickeln und diese dann einfach in einem anderen Land nutzen. Ich habe deshalb auch Mühe mit dem Begriff internationaler «Wissenstransfer», denn der Transfer funktioniert so nicht. Das liegt zum Beispiel daran, dass in vielen Ländern ganz andere klimatische Bedingungen herrschen als bei uns. Oder weil viele Technologien, die wir hier entwickeln, auf stabile Elektrizitätsversorgung angewiesen sind, die es in vielen Ländern nicht gibt. Die Logistik von Verbrauchsmaterialien ist ein weiteres Beispiel: Wenn Forschende eine neue Technologie für ländliche Gebiete Afrikas entwickeln, dann müssen sie beim Design so früh wie möglich berücksichtigen, dass diese mit möglichst wenig Verbrauchsmaterial auskommt und dieses vor Ort verfügbar ist. Diese Beispiele zeigen den Mehrwert, wenn viel Kontextwissen von Anfang an in die Forschung einfliesst. Auf der anderen Seite haben wir es uns an der ETH zum Ziel gesetzt, Lösungen für globale Herausforderungen zu entwickeln, und dazu benötigen wir gut funktionierende globale Forschungsnetzwerke: Globale Fragen können nicht nur national gelöst werden, und aus zusätzlichen Perspektiven ergeben sich neue Einsichten.
Dies bedingt jedoch, dass sich Forschende auf Neuland einlassen und Risiken eingehen. Werden die Forschungsprojekte dadurch aufwendiger?
Solche Projekte benötigen oft mehr Zeit, zudem besteht das Risiko, dass ein Projekt nicht wie geplant durchgeführt werden kann, und der Koordinationsaufwand ist höher. Es braucht deshalb oft spezielle Formate und Finanzierungsinstrumente, um solche Forschung durchzuführen. Aber der Aufwand lohnt sich; die Forschungsergebnisse sind am Ende oft viel relevanter für alle Beteiligten.
Welchen Beitrag leistet ETH4D, um solche Forschung zu ermöglichen?
Wir unterstützen unsere Mitglieder in drei Bereichen: Erstens helfen wir, Partnerschaften zu etablieren, zum Beispiel mit dem IKRK, den NGOs oder mit Universitäten in Afrika. Oft haben Forschende an der ETH gute Ideen, wie sie mit ihrem Forschungsgebiet einen Beitrag zu den UNO-Entwicklungszielen leisten können, aber es fehlen ihnen die passenden Partnerinnen und Partner vor Ort, um ein Projekt umzusetzen. Da kann ETH4D mit seinem Netzwerk weiterhelfen. Zweitens betreiben wir Fundraising, um diese Art von Forschung zu finanzieren, die etwas risikoreicher ist, bei der viele Parteien involviert sind und mehr Koordination anfällt. Und drittens wollen wir den globalen akademischen Austausch fördern, also mehr Forschende aus Ländern mit tiefen Einkommen nach Zürich und mehr Forschende an afrikanische Universitäten bringen. Zusätzlich fördern wir den Netzwerkaufbau innerhalb der ETH und bringen Forschende von verschiedenen Disziplinen zusammen, die ähnliche Interesse haben, sich aber ohne ETH4D vielleicht nie begegnet wären. Besonders bei neu berufenen Professorinnen und Professoren sehen wir ein grosses Interesse an Forschung mit globaler Wirkung. Viele sind heute Mitglied bei ETH4D.
Der Ruf nach Forschung mit «social impact» wurde in den vergangenen Jahren lauter. Wie definieren Sie die Wirkung und wie lässt sich diese messen?
Vereinfacht gesagt ist «social impact», wenn die Resultate von Forschungsprojekten die Lebensbedingungen von Menschen zeitnah verbessern, zum Beispiel zu einer bessere Energieoder Gesundheitsversorgung führen. Uns interessiert vor allem der globale «social impact», also die Wirkung auf die sechzig Prozent der Weltbevölkerung, die bisher mit weniger als zehn Dollar am Tag leben müssen. Es geht bei ETH4D aber nicht darum, dass jedes Forschungsprojekt dieses Ziel erfüllt; schliesslich sind die Ergebnisse in der Forschung nie ganz voraussehbar. Aber wir können die Wahrscheinlichkeit für eine globale soziale Wirkung erhöhen.
Isabel Günther ist Professorin für Entwicklungsökonomie an der ETH Zürich. Sie ist Sprecherin von ETH4D und Direktorin der Studiengänge Global Cooperation and Sustainable Development ( NADEL ). Seit 2024 ist sie zudem Präsidentin der Swiss Alliance for Global Research Partnerships der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz.
Gibt es thematische Bereiche, in denen die ETH als technische Hochschule eine besonders ausgeprägte soziale Wirkung erzielen kann?
Das sind vor allem die Ingenieurund Naturwissenschaften. Aber die Bandbreite der Themen bei ETH4D ist sehr gross, von der Energiewende über Klimaschutz und -adaptation, Wasserversorgung, Bildung bis hin zur Gesundheit und künstlicher Intelligenz.
Wie müssen wir uns den Einsatz von KI im humanitären Bereich vorstellen?
Ein gutes Beispiel ist der Einsatz von KI im Bildungsund Gesundheitsbereich. Dort fehlt es vielerorts an Fachkräften. Wenn zum Beispiel eine Pflegerin in einem ländlichen Gesundheitszentrum mithilfe von KI genauere Malariadiagnosen erstellen kann, ist das sehr nützlich, weil bis heute aufgrund mangelnder Diagnostik zu oft Malariamedikamente verschrieben werden. Oder auch im Bildungsbereich kann KI unterstützen, wenn eine Lehrerin allein fünfzig Schülerinnen und Schüler unterrichtet muss. Ein weiterer interessanter Anwendungsbereich ist die KI-gestützte Auswertung von Satellitendaten während humanitärer Krisen, zum Beispiel, um die Bevölkerungsdichte genauer zu schätzen. Bei Konflikten können diese helfen, humanitäre Güter schneller an die richtigen Orte zu bringen. Dazu konnte ein Forschungsteam der ETH im Rahmen der Partnerschaft mit dem IKRK wichtige Forschungsprojekte umsetzen, die unterdessen grosse Wirkung erzielen.
Sie sind Teil des Direktorats des Masterstudiengangs, den die ETH mit der Universität Ashesi in Ghana aufgebaut hat. Was haben Sie persönlich aus dieser Kooperation gelernt?
Was alle Beteiligten, die vor Ort unterrichten, begeistert hat - ich gehöre dazu - ist die Zusammenarbeit mit brillanten jungen Leuten aus ganz Afrika. Sie investieren enorm viel in ihre Bildung, sind sehr motiviert, ihren Beitrag zur nachhaltigen Industrialisierung auf dem afrikanischen Kontinent zu leisten, und die Diskussionen mit ihnen sind sehr bereichernd. Wir haben von Anfang an mit Schweizer Industrieunternehmen zusammengearbeitet, die grosses Interesse haben an Ingenieurinnen und Ingenieuren aus afrikanischen Ländern, die für ihre Forschungsund Entwicklungsabteilungen auf dem Kontinent arbeiten können, und finanzieren Stipendien für die Studierenden in Ghana.
Gibt es auch Dinge, die Sie im Nachhinein anders machen würden?
Die Zusammenarbeit ist für uns eine Erfolgsgeschichte und wir haben viel dabei gelernt. Die gemeinsame Lehre von Forschenden unterschiedlicher Hochschulen betrachten wir als Erfolgsfaktor, um die Qualität der globalen Hochschulbildung zu verbessern. Darauf aufbauend sind wir mit Universitäten in Kenia, Uganda, Südafrika und einer zweiten Universität in Ghana im Gespräch, um zusammen weitere Studiengänge zu entwickeln. In Zukunft wird es aber keinen doppelten Abschluss beider beteiligten Universitäten mehr geben, dazu fehlt uns die zeitliche Kapazität. Wir werden jedoch zu den Masterabschlüssen und zur Doktoratsausbildung unserer Partneruniversitäten beitragen.
Eine oft geäusserte Befürchtung bei der Ausbildung von Fachkräften im Globalen Süden ist der Braindrain, dass also gut ausgebildete Junge ihr Land verlassen und dorthin ziehen, wo sie mehr verdienen und bessere Karrieremöglichkeiten haben. Wie beurteilen Sie das?
Ich spreche lieber von Braingain, also Wissenszuwachs. Erstens: Forschung lebt von Austausch und deshalb auch von Migration. Um das zu realisieren, muss man sich ja nur an der ETH umschauen. Zweitens: Die Theorie des Braindrains stimmt so nicht. Neueste Forschungsergebnisse zeigen, dass selbst wenn einige Absolventinnen und Absolventen von neuen Bildungsprogrammen auswandern, am Ende oft ein Braingain für die Staaten resultiert, weil viele in ihrem Heimatland bleiben wollen. Drittens: An der ETH ist es unser Anspruch, Antworten auf globale Fragen zu finden. Das heisst, es spielt keine Rolle, wo Forschende oder Universitätsabgängerinnen und -abgänger arbeiten, ob sie später für internationale NGOs oder für Industrieunternehmen in Europa tätig sind. Hauptsache, sie bringen in ihrem Gebiet eine globale Perspektive mit ein. Das lehren wir auch unseren Studierenden an der ETH. Von der ersten Kohorte des ETH-Ashesi-Studiengangs arbeiten zwanzig in der Industrie auf dem afrikanischen Kontinent. Ein Absolvent hat gerade ein Doktorat an der ETH angefangen, um dann in Ghana an der Universität zu unterrichten. Das alles sehe ich als grossen Gewinn.
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