Anders wohnen, um die CO2-Bilanz der eigenen Wohnung zu verändern

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Ankita Singhvi ist Architektin und Expertin für industrielle Ökologie. 2025 EPFL
Ankita Singhvi ist Architektin und Expertin für industrielle Ökologie. 2025 EPFL/Anthony Bourgeois - CC-BY-SA 4.0

Eine Studie der EPFL hat den CO2-Fussabdruck von 20.000 Wohnungen im Kanton Waadt ausgewertet. Ihre Ergebnisse zeigen, wie wichtig ein gezielter Ansatz ist, um den Energieverbrauch des Immobiliensektors zu senken.

Die Herausforderungen bei der Dekarbonisierung der Baubranche sind immens. Dieses Thema hat Ankita Singhvi zu ihrer Doktorarbeit an der EPFL gemacht. "Mein Ziel ist es, Politikern und Unternehmen mit grossen Immobilienbeständen zu helfen, zu erkennen, wo ihre Prioritäten bei der Renovierung liegen", erklärt die Forscherin des Labors für Human-Umwelt-Beziehungen in urbanen Systemen (HERUS).

Die Architektin und Expertin für industrielle Ökologie hat gerade in der Zeitschrift Resources, Conservation & Recycling einen Auszug ihrer Arbeit veröffentlicht, der dem Kanton Waadt gewidmet ist. Anhand der kantonalen Energieausweise berechnete Ankita Singhvi den CO2-Fussabdruck von 15% der Wohngebäude in diesem Gebiet, d.h. insgesamt 20.000 Wohnungen. Ihre Studie verknüpft die betrieblichen Emissionen der Gebäude (Heizung, Strom usw.) mit der Bilanz ihrer grauen Energie (Gesamtenergiekosten für den Bau der Gebäude). Für jedes Gebäude wurde die Anzahl der Bewohner und Bewohnerinnen pro Haus oder Wohnung hinzugefügt, um den jährlichen CO2-Fussabdruck pro Haushalt zu beziffern.

In den Aussenbezirken ist angesichts der alternden Bevölkerung mit immer mehr Haushalten zu rechnen, die nur aus einer oder zwei Personen im Ruhestand bestehen.

Ankita Singhvi

Stadt-Land-Gefälle

Daraus ergeben sich kontrastreiche Ergebnisse. Die graue Energie der städtischen Haushalte im Kanton ist beispielsweise geringer als die der ländlichen Haushalte: Die Quadratmeterzahl pro Kopf ist auf dem Land oft höher, und es gibt eine Mischung aus neuen und alten Gebäuden. In der Stadt wurden 70% der Häuser vor 1980 gebaut, was die graue Energie reduziert.

Dafür ist der jährliche Betriebsverbrauch der Wohnungen in der Stadt höher und reicht von 1500 bis 1900 Kilogramm CO2 pro Kopf. Dies ist auf das Vorhandensein veralteter Heizsysteme zurückzuführen, die auf fossilen Brennstoffen basieren.

Ländliche Haushalte weisen ihrerseits eine grössere Variation des mit dem operativen Verbrauch verbundenen CO2-Fussabdrucks auf, die von 1200 bis 2200 Kilogramm CO2 pro Person reicht. Die Autoren der Studie führen diese grosse Bandbreite auf die grössere Fläche pro Kopf auf dem Land, die grössere Vielfalt an Bauzeiten (22% moderne Gebäude, die nach 2000 gebaut wurden, und 34% sehr alte Gebäude, die vor 1920 gebaut wurden) und die höhere Akzeptanz von erneuerbaren Technologien wie Photovoltaikanlagen (im Vergleich zu städtischen Gebieten) zurück, was in einigen Fällen den CO2-Ausstoss pro Person reduziert.

Die Studien zeigen, dass der CO2-Fussabdruck in ländlichen Gebieten in Zukunft noch grösser werden könnte, sagt Ankita Singhvi: "In der Peripherie können wir aufgrund der alternden Bevölkerung immer mehr Haushalte erwarten, die nur aus ein oder zwei Rentnern bestehen, mit Häusern, die energetisch saniert werden müssen, z. B. mit kohlenstoffarmen Heizsystemen und besserer Isolierung", sagt die Forscherin.

Ein weiteres Ergebnis: Gebäude mit gemischtem Eigentum wie Eigentumswohnungen haben die höchste graue Energie, den grössten Materialbestand und sind die modernsten Gebäude, während Wohngenossenschaften die grösste Schwankungsbreite bei den jährlichen Betriebsemissionen aufweisen, die von 1500 bis 2300 Kilogramm CO2 pro Bewohner/in reicht.

Analyse auf Einzelfallbasis

"Unsere Studie hat die Vielfalt der Massnahmen aufgezeigt, die zur Verbesserung der Umweltleistung des Waadtländer Immobilienbestands erforderlich sind", erklärt die Forscherin. Für sie ist diese Vielfalt entscheidend, um globale Strategien zu vermeiden, die Gefahr laufen, ihr Ziel zu verfehlen. Um den CO2-Fussabdruck des Sektors zu reduzieren, fordert Ankita Singhvi, die richtigen Materialien zu identifizieren, um Renovierungen mit geringen Auswirkungen auf die Umwelt durchzuführen, wie zum Beispiel Materialien, die wiederverwendet werden. Um dies zu erreichen, sollte beispielsweise jeder Gebäudeabriss zum Anlass genommen werden, die Materialien in den Nachbargebäuden wiederzuverwenden. Dies würde die Lebensdauer der Baumaterialien verlängern, da sie neue Funktionen erhalten.

Nicht jede Renovierung führt zu einer Verringerung der betrieblichen und inhärenten Emissionen, stellt die Forscherin zum Abschluss der Studie klar. Massnahmen zur Verbesserung der Gebäudehülle oder zur Modernisierung von Heizungs- und Klimaanlagen können zwar dazu beitragen, technische Energieverluste zu reduzieren, aber sie können auch ressourcenintensive Lebensweisen aufrechterhalten. Daher ist eine Einzelfallanalyse angebracht, bei der sowohl die häuslichen Praktiken als auch die technischen Spezifikationen des Gebäudes berücksichtigt werden.

Es gibt immer noch rechtliche und administrative Barrieren, die das Experimentieren mit alternativen Wohnformen behindern.

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Mehr Kreativität

Ergänzend dazu könnten zeitlich begrenzte Initiativen, wie die Unterbringung von Studentinnen und Studenten in grossen Räumen, die von einer oder zwei Personen bewohnt werden, dazu beitragen, den CO2-Fussabdruck des Waadtländer Wohnungsbestands zu verringern und den wachsenden Bedarf an Wohnraum zu decken. "Es gibt immer noch rechtliche und administrative Barrieren, die das Experimentieren mit anderen Wohnformen behindern. Ich habe die Hoffnung, dass meine Arbeit den Behörden und dem Grundstückssektor helfen kann, kreativer zu sein."

Ankita Singhvis Forschung wird ihre Fortsetzung im Genfer Panel zur Analyse der Nachhaltigkeit von Praktiken finden. Diese fünfjährige Studie, die von der Fakultät für natürliche, architektonische und gebaute Umwelt (ENAC) durchgeführt wird, zielt darauf ab, die Verhaltensweisen der Bevölkerung gegenüber der Umwelt besser zu verstehen und konkrete Handlungsmöglichkeiten zu identifizieren. In diesem Rahmen werden die Mobilitätspraktiken der Waadtländer Haushalte in die Berechnung ihrer CO2-Bilanz einbezogen, um die Ergebnisse weiter zu verfeinern.

Ein weiterer interessanter Fakt der Studie ist, dass Einpersonenhaushalte mit 43 % den grössten Anteil der Wohnungen in den Waadtländer Städten ausmachen, gefolgt von Haushalten mit zwei Erwachsenen (26 %), Haushalten mit zwei Erwachsenen und einem oder mehreren Kindern (18 %), Haushalten mit drei oder mehr Erwachsenen (9 %) und Haushalten von Alleinerziehenden (4 %). Einpersonenhaushalte leben in den ältesten und am stärksten urbanisierten Gebäuden des Kantons. Diese Personen verfügen über die grösste Wohnfläche pro Bewohner und haben den höchsten Energiebedarf und die höchsten betrieblichen Emissionen.

Diese Haushalte wohnen in der Regel in Gebäuden, die zwischen 1940 und 1960 erbaut wurden, mit einer medianen Wohnfläche von 60 Quadratmetern pro Bewohner und einem jährlichen Energiebedarf von 8200 kWh. Zum Vergleich: Die "2000-Watt-Gesellschaft" sieht einen durchschnittlichen jährlichen wohnungsbezogenen Energieverbrauch von 3900 kWh pro Einwohner vor. Einpersonenhaushalte sind jedoch die am schnellsten wachsende demografische Gruppe in der Schweiz. Für die Forscherin Ankita Singhvi stellen sie daher eine strategische Chance für technische und soziale Innovationen im Wohnbereich dar, um die bis 2050 gesetzten Klimaziele zu erreichen.

Referenzen

Ankita Singhvi, Mikhail Sirenko, Aristide Athanassiadis, Claudia R. Binder, "Mapping operational and embodied emissions in relation to household and ownership profiles with bottom-up building stock analysis: The case of Vaud, Switzerland", Volume 221, July 2025.

https://doi.org/10.1016/­j.resconrec.2025.108431