Syphilis hat sich möglicherweise schon vor Kolumbus in Europa ausgebreitet

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Angebliches Porträt von Christoph Kolumbus um 1520 (Gemälde: Ridolfo del Ghirlan

Angebliches Porträt von Christoph Kolumbus um 1520 (Gemälde: Ridolfo del Ghirlandaio)

Kolumbus brachte die Syphilis nach Europa - oder tat er es? Eine kürzlich an der Universität Zürich durchgeführte Studie weist nun darauf hin, dass die Europäer bereits vor dem 15. Jahrhundert mit dieser sexuell übertragbaren Krankheit infiziert gewesen sein könnten. Darüber hinaus haben Forscher einen bisher unbekannten Erreger entdeckt, der eine verwandte Krankheit verursacht. Der Vorläufer der Syphilis und ihrer verwandten Krankheiten könnte über 2.500 Jahre alt sein.

Syphilis ist eine sexuell übertragbare Krankheit - und obwohl sie aufgrund der Verfügbarkeit moderner Behandlungsmethoden gemeinhin abgetan wird, breitet sie sich tatsächlich mit einer alarmierenden Geschwindigkeit aus: In den letzten Jahrzehnten haben sich weltweit mehr als 10 Millionen Menschen mit der Syphilis-Subspezies Pallidum des Bakteriums Treponema pallidum infiziert. Andere Treponematosen, wie z.B. Gier und Bejel, werden durch andere Unterarten von Treponema pallidum verursacht. Die Ursprünge der Syphilis, die in Europa vom späten 15. bis zum 18. Jahrhundert verheerende Schäden anrichtete, sind noch unklar. Die bisher populärste Hypothese hält Christoph Kolumbus und seine Seeleute für die Einschleppung der Krankheit aus der Neuen Welt nach Europa verantwortlich.

Gier in Europa bereits weit verbreitet

Die neue Studie weist auf die Möglichkeit hin, dass Treponema pallidum in Europa bereits existierte, bevor Kolumbus die Segel nach Amerika setzte. Die Forscher fanden Treponematosen in archäologischen menschlichen Überresten aus Finnland, Estland und den Niederlanden. Sowohl die molekulare Datierung der alten Bakteriengenome als auch die traditionelle Radiokohlenstoffdatierung der Proben wurden verwendet, um das Alter der Erreger dieser Krankheiten abzuschätzen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Genome in die Zeit zwischen dem frühen 15. und 18.

Zusätzlich zu den Syphilisfällen fanden die Forscher bei einem der Individuen Giersymptome. Wie die Syphilis wird die Gier durch Hautkontakt übertragen, wenn auch selten durch Geschlechtsverkehr. Heute kommt die Krankheit nur noch in tropischen und subtropischen Regionen vor. "Unsere Daten weisen darauf hin, dass die Gier in ganz Europa verbreitet wurde. Sie war nicht auf die Tropen beschränkt, wie es heute der Fall ist", sagt die letzte Autorin Verena Schünemann, Professorin für Paläogenetik am Institut für Evolutionsmedizin der Universität Zürich.

Genom eines bisher unbekannten Erregers entdeckt

Das Forschungsteam entdeckte noch etwas anderes: Das in den Niederlanden gefundene Skelett enthielt einen Erreger, der zu einer neuen, unbekannten und basalen treponemalen Abstammungslinie gehörte. Diese Abstammungslinie entwickelte sich parallel zu Syphilis und Gier, ist aber als moderne Krankheit nicht mehr vorhanden. "Diese unvorhergesehene Entdeckung ist für uns besonders aufregend, weil diese Abstammungslinie allen heutigen treponemalen Unterarten genetisch ähnlich ist, aber auch einzigartige Eigenschaften aufweist, die sich von ihnen unterscheiden", sagt die Erstautorin Kerttu Majander von der UZH.

Da es in ganz Europa mehrere eng verwandte Unterarten von Treponema pallidum gab, ist es möglich, dass die Krankheiten in überlappenden Regionen persistierten und manchmal den gleichen Patienten infizierten. Die räumliche Verteilung in der nördlichen Peripherie Europas deutet auch darauf hin, dass endemische Treponematosen in Europa bereits in der frühen Neuzeit weit verbreitet waren.

Nicht nur Kolumbus

"Mit Hilfe unserer alten Genome ist es nun erstmals möglich, den Treponema-Stammbaum zuverlässiger zu datieren", sagt Schünemann. Die in dieser Studie durchgeführten genetischen Analysen legen nahe, dass der Vorgänger aller modernen Unterarten von Treponema pallidum wahrscheinlich vor mindestens 2.500 Jahren entstanden ist. Vor allem bei der Geschlechtskrankheit Syphilis existierte der letzte gemeinsame Vorfahre zwischen dem 12. und 16. Jahrhundert.

Nach der neu entdeckten Vielfalt der Treponematosen im frühneuzeitlichen Europa könnte die Syphilis entweder in der Alten Welt entstanden sein oder sich vielleicht weiter entwickelt haben. "Es scheint, dass der erste bekannte Syphilisausbruch nicht allein auf Kolumbus’ Reisen nach Amerika zurückgeführt werden kann", so Schünemann abschließend. "Die Stämme der Treponematosen könnten sich vor und während der interkontinentalen Kontakte koevolviert und genetisches Material ausgetauscht haben. Möglicherweise müssen wir unsere Theorien über den Ursprung der Syphilis und anderer treponemaler Erkrankungen noch revidieren".

Literatur:

Kerttu Majander et al.: Ancient Bacterial Genomes Reveal a High Diversity of Treponema pallidum Strains in Early Modern Europe. Current Biology, 13. August 2020. Doi: 10.1016/j.cub.2020.07.058