
von Karin Köchle, Hochschulkommunikation
Dieser Text ist in der Ausgabe 25/02 des ETH-Magazins Globe erschienen.
Cilurzo ist Papierrestaurator bei der Graphischen Sammlung ETH Zürich. Er öffnet die mittlerweile entsicherte Wandvitrine. Einmal mehr zeigt sich, dass es sich bei diesem Projekt nicht um eine gewöhnliche Ausstellung handelt und vieles neu gedacht werden muss. Das erste Werk, das aufgehängt werden soll, ist vierteilig. Die Künstlerin Claudia Comte sieht dafür verschiedene Anordnungen vor.
Die Werke für die Vitrine sind alle nicht gerahmt. Es sind lose grafische Blätter auf unterschiedlichen Papierarten. Doch wie können sie aufgehängt werden, ohne Schaden zu nehmen? Genau dafür haben Kevin Cilurzo und Museumstechniker Livio Baumgartner ein Magnetsystem optimiert. Baumgartner, der neben seiner Arbeit bei der Graphischen Sammlung noch als Fotokünstler tätig ist, liegen solche technischen Aufgaben: «Die Mischung aus künstlerischer Tätigkeit und Handwerk gefällt mir.»
Eine jüngere Sicht
In der Zwischenzeit ist Alexandra Barcal dazugestossen. «Wollen wir nochmals zusammen die Reihenfolge durchgehen?», fragt die Kuratorin ihre Kollegen und breitet einen Ausdruck des Vitrinenkonzepts aus, der als Vorlage für das Aufhängen der Papierarbeiten dient. Teamarbeit ist ihr sehr wichtig. Nicht nur mit Künstlerinnen und Künstlern, sondern auch intern. Und Teamwork ist auch für die aktuelle Ausstellung gefragt - eine Art Experiment, wie Barcal sagt. Denn die Ausstellung NEOGEO, die sich der Kunstströmung der sogenannten «Neuen Geometrie» widmet, ist so ganz anders als die meisten Ausstellungen, die die Graphische Sammlung bisher realisiert hat.Barcal, Kunsthistorikerin und Konservatorin des 20. und 21. Jahrhunderts, hatte sich zum Ziel gesetzt, zusammen mit drei aktiven Künstlerinnen eine weibliche, jüngere Sicht auf diese Kunstrichtung zu zeigen. Das Entwickeln von Ideen, die Absprachen, die Konzeption und das Umsetzen mit vielen beteiligten Personen sei auf jeden Fall eine Herausforderung.
Hinzu kommt, dass die Künstlerinnen eigens für die Ausstellung neue Werke erschaffen haben. Diese werden im Ausstellungsraum zu sehen sein, der sich hinter einer hohen, zweiflügeligen Tür gleich neben den Wandvitrinen verbirgt. Die geöffneten Flügel geben den Blick auf einen hellen Raum mit Parkettboden, Kassettendecke und schlanken, gusseisernen Säulen frei. Die historischen Räumlichkeiten stehen im Kontrast zu den zeitgenössischen Werken, die hier schon fast fertig installiert sind.
Innerhalb der weitläufigen Installation fällt noch etwas auf: Ein grasgrüner Kasten, beschriftet mit «Monster». «Das ist unser fahrbarer Werkzeugkasten», lacht Baumgartner. «Er hat seinen Namen wegen seines Gewichts von rund 200 Kilogramm erhalten.» Baumgartners wachsamer Blick sieht sofort, dass auf einem der grossen gerahmten Bilder noch Fingerabdrücke zu sehen sind. Schnell nimmt er ein Tuch zur Hand und reibt die Spuren vorsichtig ab. «Das Museumsglas ist schwierig zu putzen. Es hat eine spezielle Beschichtung, filtert UV-Strahlen und lässt so weniger schädliches Licht an die Werke. Zudem ist es reflexionsarm, damit es beim Betrachten der Bilder nicht zu sehr spiegelt.»
Neue Präsentationsformen
Die Exponate der drei Schweizer Künstlerinnen Claudia Comte, Athene Galiciadis und Andrea Heller werden nicht wie üblich auf Stellwänden präsentiert, sondern bilden zusammen eine begehbare Installation im Raum. Die raumhohen Holzschnitte von Comte betonen die Vertikale, die ebenfalls ungeschützt im Saal hängenden Blätter von Galiciadis die Horizontale, die grossen gerahmten Zeichnungen von Heller wiederum schaffen eine Verbindung zum Boden und zum Raum. «Für NEOGEO haben wir den Ausstellungsraum völlig verändert», sagt Kuratorin Barcal. «Zu Beginn unserer Vorbereitungsarbeiten wusste ich noch nicht, was am Ende in diesem Ausstellungsraum zu sehen sein wird. Das war ein langer Schaffensprozess.»
Drei Wechselausstellungen realisiert die Graphische Sammlung pro Jahr. In den meisten Fällen greift sie dabei auf ihren Bestand von rund 160’000 hochkarätigen Werken auf Papier zurück, die bis ins 15.Jahrhundert reichen. Die meisten Werke sind katalogisiert, so kann die Kuratorin beim Planen einer neuen Ausstellung in der Datenbank gezielt nach Kunstschaffenden und Werken suchen. Bei der Auswahl sei es wichtig, sich die Kunstwerke auch im Original anzuschauen, betont Barcal, denn nur so könne man beurteilen, welche Wirkung sie später in der Ausstellung hätten.
Fragile Werke auf Papier
Das Realisieren einer Ausstellung und den Unterhalt der Sammlung unter einen Hut zu bringen, sei immer ein Balanceakt, meint Barcal, die neben ihrer Aufgabe als Kuratorin auch die Leiterin der Graphischen Sammlung, Linda Schädler, vertritt. Denn das Aufbewahren, Umlagern, Restaurieren, Inventarisieren und Katalogisieren einer so umfangreichen Sammlung nimmt viel Zeit in Anspruch. So arbeitet nicht nur Cilurzo an der Optimierung der physischen Lagerung, sondern auch seine Kollegin, Papierrestauratorin Olivia Raymann.Dass sich die Sammlung seit ihrer Gründung im Jahr 1867 im historischen Hauptgebäude der ETH Zürich befindet, bringt zusätzliche Herausforderungen mit sich: Es gibt zwar Klimaanlagen im Hauptgebäude, aber ein Grossteil der Graphischen Sammlung ist nicht damit ausgerüstet, weshalb es nicht einfach ist, Temperatur und Luftfeuchtigkeit konstant zu halten. Immerhin haben die dicken Mauern im Sommer auch einen kühlenden Effekt.
Ein konsequentes Monitoring, zum Beispiel mittels Fallen, soll verhindern, dass sich Schädlinge wie das Papierfischchen in der Sammlung ausbreiten. Dieses mit dem Silberfischchen verwandte Insekt liebt trockene Umgebung, meidet Licht - und ernährt sich von Papier. Zum Schutz der Sammlung gehört es darum auch, dass Werke aus Schenkungen von Museen oder Privatpersonen erst einmal in Quarantäne müssen.
Cilurzo, der gerade mittels Linienlaser ein weiteres Werk millimetergenau in der Vitrine platziert, trägt in seiner Funktion als Papierrestaurator auch dazu bei, dass die Kunstwerke der Sammlung optimal aufbewahrt werden können. So werden zum Beispiel säurehaltige Trägerkartons, die die Graphiken schädigen können, durch alterungsbeständige Kartons ersetzt. Aktuell ist Cilurzo dabei, dreissig Werke für eine Leihgabe an das Helen Dahm Museum in Oetwil am See vorzubereiten - die Hälfte davon ist ungerahmt. Diese losen Blätter gilt es nun, auf säurefreiem Papier zu fixieren, sodass sie vor schädlichen Unterlagen oder unsachgemässer Handhabung geschützt sind.
Das geschieht im sogenannten Atelier der Graphischen Sammlung. Der Raum im Untergeschoss gleicht eher einer Werkstatt: Neben aufgelegten Grafiken gibt es allerlei Pinsel, Pinzetten, Becher und Fläschchen. Beim Spülbecken warten Schwingbesen und Kochlöffel auf ihren Einsatz. «Wir stellen hier unseren eigenen Weizenstärkekleister her, den wir für die Montage der Grafiken benötigen», erklärt Cilurzo, der neben seiner Anstellung bei der Graphischen Sammlung auch noch als selbstständiger Papierrestaurator tätig ist.
Die Grafik wird mithilfe zweier kleiner, gefalteter Streifen aus Japanpapier auf dem Trägerpapier montiert - der selbstgekochte Kleister dient als Kleber. Diese Fixierung muss reversibel sein und darf das Papier weder angreifen noch Rückstände darauf hinterlassen. Bei der Montage müsse man langfristig denken, wird die Kuratorin später dazu sagen, im besten Fall bleibe so ein Werk ja über Jahrhunderte fixiert.
Der Kunst begegnen
Zwei Wochen später: Die Ausstellung NEOGEO wird eröffnet. Rund 240 Besucherinnen und Besucher sind gekommen. Auch die drei Künstlerinnen sind bei der Vernissage dabei. Eine positive Anspannung und die Vorfreude aller Beteiligten sind spürbar. Die Exponate in den Vitrinen und die Ausstellung wecken Interesse, die Gäste erkunden die Installation, betrachten die Werke von allen Seiten und tauschen sich angeregt aus. Das Verständnis für Kunst auf Papier zu fördern und den Kontakt zur öffentlichkeit zu pflegen, ist ein grosses Anliegen der Graphischen Sammlung. Dass sie an sieben Tagen die Woche kostenlos zugänglich ist, unterstützt dieses Anliegen.Auch nach der Vernissage werden noch viele weitere Veranstaltungen folgen, darunter zahlreiche Führungen, Besuche von Schulklassen oder Privatführungen zu ausgewählten Themen. Und auch die nächste Ausstellung ist bereits in Planung, dieses Mal zu einem berühmten Künstler der klassischen Moderne - Pablo Picasso. «Bei uns wechseln Ausstellungen zu Kunst aus vergangenen Epochen mit solchen zu Kunst aus der Gegenwart ab», sagt Barcal. «Im Austausch mit den Kunstschaffenden etwas Neues ausprobieren zu können, ist aber immer besonders toll!»

