Am 21. Oktober hat die Hochschule ein neues interdisziplinäres Zentrum eröffnet, um Wissenschaft, Technologie und Politik besser miteinander zu verbinden. Der Leiter Tobias Schmidt spricht im Interview über die ersten geplanten Aktivitäten der Einstein School of Public Policy.
von Roland Baumann, Hochschulkommunikation
(Bilder: Michel Büchel, Adobe Stock, Sebastian Wagner-Vierhaus/ETH Zürich)
Von Klimawandel über Pandemien und bewaffneten Konflikten bis hin zu künstlicher Intelligenz - angesichts dieser und weiterer Herausforderungen, ist eine effektive Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Politik wichtiger denn je. Vor diesem Hintergrund hat die ETH Zürich die Albert Einstein School of Public Policy gegründet.
Dieses neue interdisziplinäre Zentrum soll Wissenschaft, Technologie und Politikgestaltung miteinander verbinden, indem es bestehende Aktivitäten in der Ausund Weiterbildung, in der Forschung sowie im Dialog mit Politik und Verwaltung ausbaut und weiterentwickelt.
Herr Schmidt, weshalb braucht die ETH Zürich eine School of Public Policy?
Wir wollen Politikerinnen und Politiker, aber auch Mitarbeitende der öffentlichen Verwaltung dabei unterstützen, faktenbasierte Entscheidungen fällen zu können, die auf aktuellem Wissen beruhen. Dafür wollen wir in einen aktiven Dialog treten und die Grundlagen zur Verfügung stellen.
In welcher Form machen Sie das?
Für einen erfolgreichen Dialog stehen Netzwerke und persönliche Beziehungen zwischen Forschenden und Personen aus Verwaltung und Politik im Zentrum. Darum sind Ausund Weiterbildung für uns zentral, denn gerade so entstehen solche Netzwerke. Die Forschung ist ebenso wichtig, weil wir dadurch relevante Fragestellungen im engen Dialog mit gesellschaftlichen Akteuren angehen können. Für den eigentlichen Wissensaustausch bedienen wir uns verschiedener Formate und wollen dabei auch neue Wege gehen.
Können Sie dafür ein paar Beispiele geben?
Erwähnenswert sind sicher die ETH Policy Fellowships. Dieses Programm bietet Entscheidungsträger:innen der Verwaltung die Gelegenheit, für eine kurze Zeit an die ETH zu kommen und sich mit Forschenden zu vernetzen. Umgekehrt erlaubt es Forschenden, Fragestellungen und Abläufe in der Verwaltung kennenzulernen. Darüber hinaus entwickeln wir Formate wie etwa co-designte Forschung oder an Angebote für Studierende, in denen sie sich - im Stile eines Hackathons - bei realen Fragestellungen aus Politik und Verwaltung einbringen können. Im Zentrum unserer Anstrengungen steht immer der Dialog mit den Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern. Denn beide Seiten lernen voneinander.
Aber passiert dieser Wissenstransfer nicht schon jetzt? Aktuell ist der Bericht von Ueli Weidmann zur Verkehrsplanung in aller Munde...
Selbstverständlich engagieren sich viele Forschende schon jetzt. Die ETH Zürich ist seit ihrer Gründung ein Ort, an den sich Bundespolitiker:innen und die öffentliche Verwaltung wenden konnten. Doch die Fragen werden immer vielfältiger und komplexer, und auch die ETH ist über die Jahre gewachsen. Da reichen informelle Kontakte nicht mehr, es braucht auch gute Strukturen dafür. Wir sehen uns einerseits als erste Anlaufstelle, etwa für Mitarbeitende öffentlicher Verwaltungen, die Expertise von der ETH benötigen. Andererseits geht es uns darum, den Wissensaustausch zu systematisieren und mit den gesellschaftlichen Anspruchsgruppen ein gemeinsames Verständnis und ein gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. Erfahrungen, welche ETH-Professorinnen und Professoren in der Scientific COVID Taskforce machten, haben gezeigt, wie wichtig solche Beziehungen gerade in einer Krise sind.
Können Sie das etwas ausführen?
Manche der Kolleginnen und Kollegen, die sich in der Taskforce engagierten, haben mir erzählt, dass man ihnen mit einer gewissen Skepsis begegnete, weil man ergründen wollte, welche versteckten Interessen sie verfolgen. Denn in Bundesbern pflegt man den Umgang mit Interessengruppen, und da ist diese Frage zentral. Es brauchte einige Zeit, bis die Entscheidungsträger:innen realisierten, dass die Wissenschaft keine versteckte Agenda hat. Zu einem gewissen Unverständnis führte auch, dass sich die Ratschläge aus der Forschung über die Zeit änderten. Dies, weil neue Erkenntnisse vorlagen.
Und wie sieht das auf der Wissenschaftsseite aus?
Die Vertreter:innen aus den Hochschulen hatten teilweise Mühe zu verstehen, weshalb die politischen Instanzen ihre Empfehlungen nicht sofort eins-zu-eins umsetzten. Doch politische Entscheide fussen eben auch auf öffentlicher Akzeptanz, politischen und wirtschaftlichen Kosten, sowie verschiedenen Wertvorstellungen.
Und die Einstein School of Public Policy soll dieses Verständnis füreinander fördern. Weshalb aber wird die neue Organisationseinheit als Schule bezeichnet?
Mit dem Namen folgen wir einer Tradition des angelsächsischen Raums, in dem solche Einrichtungen «Schools» heissen. Das bekannteste Beispiel ist sicher die Harvard Kennedy School. Organisatorisch sind wir ein ETH-Zentrum, vergleichbar mit dem AI-Center oder dem Energy Science Center. Wie in diesen Zentren finden bei uns neben dem Wissensaustausch - oder Politikdialog - auch Forschung und Lehre statt. Mit der Anlehnung an die angelsächsischen Vorbilder betonen wir auch unseren internationalen Anspruch. Denn nicht nur Bern ist ein wichtiger politischer Dialogpartner. Und in der Lehre wollen wir vermehrt internationale Studierende an die ETH bringen, vor allem in unsere Executive Education Programme.
Nun lautet die ganze Bezeichnung «Albert Einstein School of Public Policy». Weshalb Einstein?
Einstein ist der bekannteste Alumnus der ETH und sein Einfluss reichte weit über die Wissenschaft hinaus. Er sah die Wissenschaft nicht als von der Gesellschaft isoliert an und war der Ansicht, dass Wissenschaftler:innen eine moralische Verantwortung gegenüber der öffentlichkeit haben. Einstein ist ein Vorbild für alle Wissenschaftler:innen, die sich in die Politikgestaltung und in gesellschaftliche Debatten einbringen wollen. Er war dafür bekannt, den Dialog mit der Politik zu pflegen, ohne je selbst Politiker sein zu wollen. Diese Unterscheidung ist für uns sehr wichtig. Zudem wollen wir mit einem Physiker im Namen zum Ausdruck bringen, dass die Einstein School an einer naturwissenschaftlich-technischen Universität angesiedelt ist und diese Expertise stark einbeziehen will. Das ist weltweit eine Besonderheit.
Die Einstein School wurde zwar neu gegründet, sie kann aber auf den Aktivitäten des Institute of Science, Technology and Policy (ISTP) aufbauen, das Sie leiteten. Was wird davon übernommen?
Das ISTP war eine Art Testballon für die Einstein School. Wir haben unter anderem einen sehr erfolgreichen Masterstudiengang aufgebaut, den wir in der Einstein School weiterführen werden. Wir haben aber auch gesehen, was nicht so gut funktioniert und was wir anders machen müssen.
«Interdisziplinarität entsteht nicht einfach dadurch, dass man fünf Professorinnen und Professoren aus unterschiedlichen Gebieten und fünf Doktorierende an einen Tisch setzt.»
Können Sie uns dafür ein Beispiel geben?
Wir haben zum Beispiel gelernt, wie wir Forschungsprojekte gestalten müssen. Interdisziplinarität entsteht nicht einfach dadurch, dass man fünf Professorinnen und Professoren aus unterschiedlichen Gebieten und fünf Doktorierende an einen Tisch setzt. Wir brauchen eine Scharnierstelle, interdisziplinär ausgebildete Fachleute, die sowohl die naturbzw. ingenieurswissenschaftliche als auch die sozialwissenschaftliche Sprache sprechen. Sie sollen ihre Expertise in die Forschungsaktivitäten bei allen Themenbereichen einbringen.
Sie sprechen die sechs Themengebiete an, in denen Sie Forschung, Lehre und Dialog anbieten wollen. Wo setzen Sie erste Prioritäten?
Wir haben das grosse Privileg, dass sich bei einzelnen Themen wichtige strategische Partner beteiligen. Im Bereich Frieden, Konflikt und Sicherheit haben wir etwa das Center for Security Studies an Bord, und bei Wirtschaft und Innovation ist es das KOF Institut, um zwei Beispiele zu nennen. Ein eigenes erstes Leuchtturmprojekt werden wir gemeinsam mit dem Bundesamt für Landwirtschaft realisieren. Dafür hat einer unserer Forscher einen grossen Grant erhalten, an dem sich verschiedene Stiftungen und Grossverteiler beteiligten. Darüber hinaus planen wir eine enge Zusammenarbeit mit den anderen ETH-Zentren, beispielsweise in den Bereichen Umwelt-, Energieund Ernährungssysteme oder AI und Digitales.
Worauf freuen Sie sich persönlich am meisten bei Ihrer neuen Aufgabe?
Auf den intensiven Austausch mit der Politik und Verwaltung, aber auch mit den Studierenden. Die Nachfrage nach solchen Schnittstellenangeboten ist riesig, sowohl an der ETH wie auch international. Es gibt Kurse mit mehreren Hundert Studierenden, dies sich dafür interessieren, was eine technologische Entwicklung aus politischer Sicht bedeutet. Ich freue mich besonders darauf, ein wirklich neues Angebot für Leute zu schaffen, die nicht unbedingt in der Forschung bleiben wollen, sondern an gesellschaftlichen Fragen interessiert sind und beispielsweise eine Karriere in der Verwaltung anstreben. Wenn sich dereinst gar Absolvent:innen der Einstein School im eidgenössischen Parlament engagieren, würde mich das enorm freuen.
Albert Einstein School of Public Policy
Über 70 Mitglieder aus 13 Departementen werden sich in der Einstein School mit sechs Themengebieten befassen: (1) Künstliche Intelligenz und Digitalisierung (2) Umwelt-, Energieund Ernährungssysteme, (3) Raumplanung und bebaute Umwelt, (4) öffentliche Gesundheit, (5) Wirtschaft und Innovation sowie (6) Frieden, Konflikt und Sicherheit. Dabei werden sie eng mit bestehenden Zentren und Instituten in den jeweiligen Bereichen zusammenarbeiten.
Geleitet wird die Einstein School von Tobias Schmidt, Professor für Energieund Technologiepolitik der ETH Zürich. Unterstützt wird Schmidt von einem Leitungsausschuss, der sich aus fünf weiteren Personen zusammensetzt: Dominik Hangartner, Professor für Politikanalyse ist der Leiter Lehre und Weiterbildung. Robert Finger, Professor für Agrarökonomie und -politik, verantwortet gemeinsam mit Tanja Stadler, Professorin für computergestützte Evolution, die Forschung der Einstein School. Alt-Bundeskanzler Walter Thurnherr leitet als Professor of Practice den Bereich Strategie und Policy-Dialog. Die Geschäftsführung der School übernimmt Benedikt Knüsel, der Leiter der Einheit Science-Policy-Interface.
